Am 14.04.2006 up, up and
away über den großen Teich.
Allerdings wird
das erst meine 1. Teilnahme an diesem Lauf.
Am 17.04.2006
will ich den Lauf genießen und nach gut
26 Meilen und ca.
3:35 h im Bostoner Ziel ankommen. - Vorstellungen

Date: Monday, April 17, 2006
Time: 1:25
a.m.: Push Rim Wheelchair Start
11:31
a.m.: Elite Women Start
Noon:
Elite Men & Wave 1 Start
12:30
p.m.: Wave 2 Start
Distance: 26
miles, 385 yards (42,195 Kilometer)
- und so war es
Erlebnis
Boston Marathon - Bericht - Fotos
Jeden 3. Montag im April ist
der Patriots-Day in Neuengland. Das heißt Feiertag und
zugleich seit 110 Jahren – es ist der Tag des
Boston Marathons.
In diesem Jahr waren es ca.
22.500 Läufer/-innen (darunter ca. 265 aus allen Teilen Deutschlands). Die
Organisation war perfekt und selbst aus deutscher Sicht manchmal etwas überorganisiert.
Der Boston-Marathontag ist
ein langer Tag. Transferbeginn zum Start war 07:00, der erste Start um 12:00
und offizieller Zielschluß um 18:30. Die Strecke ist geprägt durch ein
ständiges Auf und Ab.
6:15 Aufstehen,
trinken, in Ruhe etwas essen – Toilette - Sachen packen und nichts vergessen.
7:15 Treffen
meiner Sportgruppe und Abmarsch vom Hotel zum Bustransfer in die Tremont
Street. Gegenüber den sehr warmen Vortagen hat das Wetter umgeschlagen. NO-Wind
vom Meer, kühle 5°C und leicht windig, aber trocken.
7:35 Menschenmassen
an den Transportzonen. Aber alles läuft
ruhig und koordiniert ab – wie am ganzen Tag.
Entsprechend den Startnummern sind die Transporte halbstündlich eingeteilt, zusätzlich gibt es noch die Unterscheidungen zwischen blauen und roten Startnummern. Ich habe eine blaue Starnummer und gehöre zur ersten Startwelle um 12:00 – also muß ich mich in der rechten Zone einordnen. Aber alle kommen in die gelben Schulbusse. Jeder Sitzplatz wird genutzt – keiner muß stehen. Letzter Gruß vor dem Einsteigen an die zurückbleibenden Nichtläufer.
8:00 Wieder
eine lange Kolonne von ca. 25 gelben Schulbussen setzt sich in Bewegung – davor
und dahinter reichlich Polizei mit Blaulicht. Beeindruckendes Bild. Diesmal
sitze ich mit in einem Bus. Die Polizei eskortiert uns schnell auf die
Autobahn, dann lässt sie uns allein. Ich wusste nicht, dass diese gelben
Schulbusse auch so schnell fahren können.
8:30 Wir
fahren immer noch auf der Autobahn. Am Anfang war es noch laut im Bus. Jetzt
ist es ruhig geworden. Wir fahren ständig bergauf - bergab und immer weiter weg
von Boston. „Das soll ich alles zurück laufen? Ich muß verrückt sein.“ Ähnliche
Gedanken müssen die anderen Mitfahrer auch beschäftigen.
8:35 Abfahrt
Autobahn. Wieder macht reichlich Polizei die Landstraßen für uns frei. Der
Startort Hopkinton
ist weiträumig für jeden sonstigen Verkehr gesperrt.
8:45 Endlich
Ankunft in Hopkinton. Das High-School-Gelände
ist zum Athleten-Dorf umgestaltet worden. Blaue Zone, Rote Zone,
Busparkplätze, Verpflegungsstände, Toiletten – alles ist wohl präpariert. Noch
ist reichlich Platz, um sich auf der grünen Wiese unter freiem Himmel ein
Plätzchen für die nächsten Stunden einzurichten. Insidertipps zu notwendigen
Unterlagen aus Zeitungspapier oder Planen habe ich zum Glück beherzigt.
Unzählige Fotografen und einige Sicherheitskräfte ziehen durch die Massen oder
haben auf den Dächern Station bezogen.
9:00 2.
Frühstück. Für mich noch 3 Stunden bis zum Start! Zum Glück scheint ab und zu
die wärmende Sonne, ca. 10°C.
10:00 Es wird etwas
langweilig. Das Athleten-Dorf füllt sich immer weiter. Livemusik von der Bühne
und Gespräche vertreiben die Zeit, auch der nochmalige Toilettengang.
10:50 Es ist voll
und laut geworden. Jetzt müssen alle Läufer im Athleten-Dorf angekommen sein.
Eine tolle logistische Leistung, innerhalb von ca. 2 Stunden über 22.000
Starter von Boston hierher in den kleinen Ort Hopkinton zu transportieren.
10:55 „Stand up“ für
die amerikanische Nationalhymne. Eine kleine
Polizistin singt mit großer Stimme live. Es ist sonst total ruhig. Alle haben
Mützen etc. abgenommen und schauen zur Bühne und zur Flagge. Beeindruckend!
Danach starker Applaus für die Gesangsleistung.
11:00 Letzte
Vorbereitungen für den Lauf – Umziehen, Banane, Gel, alles Überflüssige in den
Kleidersack verstauen. Die Anspannung steigt jetzt merklich wieder.
11:15 Meine kleine
Restgruppe aus der blauen Zone macht sich auf in Richtung Start. Bei der
Kleiderbeutelabgabe muß jeder entsprechend seiner Startnummer zu seinem Fenster
im jeweiligen Schulbus. Die Wege trennen sich dadurch weiter. Wir wünschen uns
gegenseitig Glück.
11:25 Ich verlasse
das Athleten-Dorf. Das letzte nicht abgesperrte „Waldstückchen“ in Hopkinton.
Hunderte männliche Starter nutzen diese letzte Möglichkeit... Weibliche Starter
haben hier echt keine Chance...
11:30 Ca. 10 Minuten
Fußweg über die links und rechts abgegitterte und bewachte Grove Street bis zu
den Startkorridoren. Die Bewachung dient den Anwohnern und ihren schönen
Vorgärten. Selbst hier gibt es Musik und Getränke.
11:40 Die Startkorridore in der East Main Street sind schon
gefüllt. Startkorridor 9 für meine Starnummer 9982 ist der vorletzte in der
ersten Startwelle. Sehr enge Startstraße steil bergauf und leicht nach links –
also vom Startband nichts zu sehen. Also nutze ich noch mal die Chance bei den
Toiletten – 10 Minuten Anstehen – dann klappt es. Übrigens sind trotz des
Massenandranges die Toiletten sauber, mit
Klopapier und Desinfikationsmittel für die Hände – Respekt. Die 10 Minuten
nutze ich auch noch zum letzten Tanken von Flüssigkeit vor dem Start.
11:55 Nach ein wenig
Aufwärmung werfe ich meinen „Wärmepulli“ in eine der aufgestellten
Kleiderspendenboxen und drängele mich in meinen Startkorridor 9. Einer passt
immer noch rein. Und ich bin nicht der letzte. Eine asiatische Läufergruppe mit
2000-er Nummern versucht entnervt am Rand weiter nach vorn zu kommen.
12:00 Die Sonne lugt
zwischen den Wolken hervor, ca. 12°, trocken - ideales Laufwetter. Oben kreist
der Übertragungshubschrauber. Neben mir macht uns ein Anwohner in
Westernkleidung mit Gitarre und Gesang Mut - „It´s a long way to Boston...jey,
jey.“ Von ferne höre ich den Startschuß.
Endlich geht es los – aber erst mal noch nicht für mich.
12:03 Erste
Schritte. Schubweise setzen sich die ersten 11.000 Starter bergauf zur
Startlinie in Bewegung.
12:07 0:00:00 Hurra, ich komme über die Startlinie
auf der Bergkuppe. Es ist ein wenig Platz zum Laufen geworden. Gleich geht es
steil bergab. „Oh, bloß nicht so schnell mit kalten Gelenken und Muskeln. Sonst
ist bald Schluß.“
12:10 Aber schon
geht es wieder bergauf. „Das ist gut zum Warmwerden.“, denke ich. Da ahne ich
noch nicht, dass es die ganze Strecke bergab und bergauf weitergehen wird.
12:39 0:32:00 Gleichmäßiges Tempo finden. Das ist schwer. In den
ersten 4 Meilen (6,4km) geht es 8 mal hoch und runter in den Landschaftswellen.
- Jetzt laufen wir durch Ashland. Die Zuschauer
stehen und schreien ununterbrochen links und rechts an der Strecke. An einem
Hardrockcafé ist der Parkplatz überfüllt mit Motorrädern. Die Rocker stehen am
Straßenrand und auf der Caféterrasse, machen Musik und feuern die Läufer an.
Super.
12:47 0:40:00 Habe meinen Rhythmus vorerst gefunden, nach 5 Meilen
(8,0km) 8´/mile bzw. der 5´/km. Gehe nicht zu schnell an. Nach Streckenplan und
zahlreichen Berichten kommt ja bei Meile 20 noch der Heartbreak Hill, der im
Plan mit einem zerbrochenen Herzen gekennzeichnet ist.
12:57 0:50:14
– 10km (6,2miles) Wir laufen durch Framingham. Etwas weniger Zuschauer. Links das Train
Depot. Ein Güterzug begleitet uns dicht an der Strecke, langsam fahrend eine
Weile. Er nutzt seine Loksirenen und macht damit einen Höllenlärm.
13:22 1:15:20
– 15km (9,3miles) Mein Puls hat sich um die 150 eingepegelt. Könnte höher sein. Aber ich laufe nicht zu schnell. Jetzt geht es durch Natick. Zuschauer und
Absperrkräfte sind merklich mehr geworden. Die Anfeuerungsrufe nehmen kein Ende
mehr... „Great job guys“, „It’s great - go, go”… Oder einfach nur schrilles Geschreie. Viele bieten Wasser und
Orangenscheiben an. Die ersten sog. Piraten mischen sich unter die Läufer,
laufen ein Stück mit, um sich Anfeuerungsrufe und Getränke zu holen und biegen
dann seitlich wieder ab. Auch irre.
13:44 1:37:00 Meile 12 (19,3km) Wellesley
College mit Mädchenpensionat. Ich war von Insidern vorgewarnt – aber ca.
400m lang in Vierer- oder Fünferreihen nur junge Mädchen. Das schrille Geschrei
war schon von weitem zu hören. Unzählige Ansichten, Hände, Plakate... „Kiss me“, „Stop,
Kiss me“, „Take me, I’m a Young“, “Stay here…“ Dazwischen ein einzelner männlicher Asiat – “Kiss me!”. Der Arme. Und
das Gekreische der Mädchen war ohrenbetäubend! Da kann auch ich nicht so
schnell vorbei. Viele, viele Hände klatsche ich ab, blicke in unzählige Augen.
Die einzelnen Rufe kann ich im tosenden Geschrei nicht unterscheiden. So stelle
ich mir die Sirenen in der Odysseus-Sage vor.
13:48 1:40:39
– 20km (12,4miles) Die „Sirenen“ sind in
den Ohren etwas abgeklungen. Der Eindruck bleibt. Trotz vieler Zuschauer wirkt
jetzt alles etwas leiser.
13:53 1:46:03
– 21,1km HM (13,1miles) Hälfte ist geschafft. Tempo 5:02´/km, Puls um 150. Laufen immer noch durch Wellesley.
14:13 2:06:16
– 25km (15,5miles) Seit Meile 14,5 geht
es leicht bergab hinunter zur Querung des Charles
River. Habe meinen Plan 5´/km bis hierher eingehalten. Laufe hier bergab
nicht schneller, um Kräfte für die nächsten 9 km bergan zu sparen. An die
vielen Zuschauer und das nicht enden wollende Geschreie habe ich mich
„gewöhnt“. Die letzten Meilen flogen an mir vorbei.
14:21 2:14:00
– 26,5km (16,4miles) Verpflegung greifen
am Power-Gel Stand. Alle Sorten vorhanden.
Donnerwetter. Greife mir Vanille und Apfel. Energie tanken für die
bevorstehenden Anstiege. Bald kommen auch wieder Getränke zum Nachspülen. Jede
Meile reichen links und rechts viele Helfer Becher mit Getorade und Wasser. Und
immer wieder gibt´s zum Becher ein beruhigendes „Look fine“ oder „Great job,
great job“. Ich trinke nur Wasser. - Die Strecke ist durch Power-Gel-Reste
klebrig geworden.
14:40 2:33:11
– 30km (18,6miles) Wir laufen durch die Newton Hills, die letzten 5km fast nur bergan. Ich
nehme kürzere Schritte, Tempo verringert sich auf 5:23´/km. Es ist wie bei
Radrennen – an den Bergen stehen die Zuschauer in Massen! Wahnsinn. „Great
job“, „Go
14:43 2:36:00
– 30,6km (19miles) Kurze Verschnaufpause auf einem flachen Teilstück. „Wann kommt denn nun der Heartbreak
Hill, oder war´s das schon?“ Nach einer Rechtskurve taucht vor mir ein
Steilhang auf. Ich schaue die Straße hoch. Links und rechts bunte
Zuschauermassen hinter Absperrungen. Schreien fast so wie in Wellesley. Weit
oben sehe ich, wie sich die Läuferschar verdichtet. Viele gehen. Ich mache
kurze Schritte und versuche durchzulaufen. Es klappt. Ein hübsches Mädchen hält
mir ein Plakat entgegen. „I love Hills!“ Ich stöhne, “Me too.” Weiter hoch. Ich fühle die Hitze in meinem Kopf.
14:47 2:40:00 Ich bin oben. Mein Puls ist bei 155. Ich bin langsam und gleichmäßig hoch gelaufen. Schwamm mit Wasser über den Kopf, die Hitze vertreiben. Die grandiosen Zuschauer treiben mich weiter leicht bergan. „Eigentlich war dieser steile Anstieg laut Streckenplan viel zu früh. War´s das schon? Kommt noch so einer?“ – Gegrübel in meinem Kopf.
14:53 2:46:00
– 32,2km (20miles) Das Gegrübel hat ein Ende. Diesmal ist der steile Anstieg von weitem zu sehen. Er ist länger, das Ende nicht sichtbar. Die Kulisse genauso wie vorher – ähnlich einer Bergankunft bei der Tour de France. Nur die Läufer nicht so schnell, viele verfallen ins Gehen. Schreie der Zuschauer. „Great job“, Go, go“, „Up in the Hills, go guy“ Meine Schuhe scheinen am Asphalt zu kleben. Ich laufe aber gleichmäßig durch. Hitze. Puls 156.
14:59 2:52:00 Ich bin wieder oben! Erleichterung, mein Puls sackt
förmlich auf 148. Wasser über den Kopf. „Geschafft, von nun an geht es nur noch
bergab“, denke ich. Doch in der nächsten Linkskurve kommt schon der nächste
Hügel weiter nach oben. Gedanken - „Linkskurve, und ich muß rechts außen
laufen.“
15:01 2:54:00
– 34km (21,1miles) Kurz hinter Meile 21
haben wir auf der rechten Straßenseite ein Familientreffen verabredet. „Wo sind
denn die Nichtläufer unserer kleinen Reisegruppe?“ Die Zuschauermassen sind
nach den Heartbreak Hills nicht weniger geworden. Wir sind jetzt am Boston College. Viele, viele junge Leute machen
Stimmung, haben die Straße bemalt. Einige mischen sich als Piraten unter die
Läufer und zeigen wie schnell sie doch sind. „Na klar, vor 3 Stunden und 40
Bergen konnte ich das auch noch“. – Ich laufe langsamer und halte Ausschau. Ah
da, 15 Schritte vor mir sehe und höre ich meine persönliche Fangruppe. Kleiner
Wortwechsel. „Siehst noch gut aus.“ Stirnband weg. Und schon geht es weiter. –
Sehr kurze Episode im ganzen Getrubel.
15:08 3:00:54
– 35km (21,7miles) Tempo der letzten 5km
wegen den Bergen auf 5:33´/km abgefallen. Eigentlich nicht schlecht, aber ich
bin ziemlich geschafft. Strecke führt jetzt zum Cleveland
Circle. Die Temperaturen sind hier oben durch den Wind vom Meer kühler.
15:19 3:12:00
– 37km (23miles) Wir biegen links in die
lange Beacon Street ein. Die Skyline von Boston
(Ziel) ist zu sehen. Wind leicht von vorn, kühl vom Meer. U-Bahn oberirdisch
fährt neben uns her. Menschen jubeln aus der Bahn. – Die Strecke verläuft
weiter hügelig. Durch das ständige Auf und Ab ist meine Psyche angefressen.
Jede Erhebung, Brücke, Unterführung wird schwerer. Das Tempo vor 30km ist nicht
mehr zu schaffen, die Beine sind schwer.
15:30 3:23:00
– 39km (24,2miles) Das Geschreie der Massen nimmt kein Ende. Ich laufe wie in Trance. Einzelrufe nehme ich kaum noch wahr. Meine Stresshormone wirken auch. Aber nicht genug. Ich kann oder will nicht mehr beschleunigen. Puls bleibt bei 150. „Nur noch nach Hause (Ziel) laufen.“
15:36 3:28:55
– 40km (24,8miles) Immer noch Beacon
Street. Noch rechne ich mir eine Endzeit von 3:40 aus. Tempo der letzten 5km
bei 5:36´/km. „Noch mal den Puls antreiben!“
15:43 3:36:00
– 41,2km (25,6miles) Mein Puls geht auf
153, werde aber nicht schneller. Die Commonwealth Avenue hat einen schönen Hügel und eine
tiefe Unterführung zu bieten. In der Unterführung keine Zuschauer – das erste
und einzigste Mal auf der Strecke! - Fast Totenstille. Ganz allein wieder nach
oben. - Dann wieder tosender Lärm der Massen. Zum Glück, denn es geht rechts in
die Hereford Street. „Oha“ Ein kurzer, steiler
Anstieg ist zu sehen. Stimmung wie an den Heartbreak Hills. Wieder... „Great job“, „Go,
Go guys“… Nach meinem Gefühl flieg ich
den Anstieg förmlich hinauf. „Jetzt kommt nur noch die Zielgerade.“
15:46 3:39:30
– 41,7km (25,9miles) Oben Puls 156. Es geht links in die Boylston Street – Zielgerade!
Die Sonne scheint. Weit hinten ist die Finish-Line zu sehen, blau mit dem
gelben Einhorn. Ich winke den Zuschauern zu. Es ist hier bei weitem nicht so
laut wie an den Anstiegen. Egal – die letzten Yards schaffe ich auch allein.
15:48 3:41:29 – 42,2km (26,2miles) FINISH –
16:00 Die Sonne wärmt. Trotzdem, die Wärmedecke muß
umgehängt werden. Nehme noch einen Verpflegungsbeutel und Wasser. Gehe dann
weiter. Oben auf kleinen Türmchen sitzen Helfer und sagen, wie es weitergeht.
„Erste Hilfe?, Chip abgeben?, dann Medallie empfangen...“ Ich hole mir meine Medallie.
„Gratulation,
great job.“ Hinter der Medallienausgabe staut sich alles auf. Es ist schweres Durchkommen.
16:05 Habe mich zu den gelben Bussen mit den Kleidersäcken
an mein Startnummernfenster durchgeschlagen – schon habe ich meinen. Alles ist
wieder wohl organisiert. Viele Helfer. Überall wird Erste Hilfe angeboten und
immer wieder „Gratulation“. Die Läuferscharen können sich gut im abgesperrten
Back-Bay-Bereich verteilen. Suche mir ein sonniges Plätzchen.
16:15 Etwas erfrischt mit Waschlappen und Wasser vor dem
Umziehen. Noch etwas Stretchen und Trinken – immer nur Wasser – leider kein
Bier hier. Nehme dann meinen Kleidersack und verabschiede mich zumindest
örtlich vom Boston-Marathon.
16:20 Verlasse den Back-Bay-Bereich. Auf den Straßen und
bei den Familientreffpunkten sind sehr viele Menschen. Meine Nichtläufer stehen
noch an der Strecke, um die zweite Startwelle und unsere letzten Läufer
anzufeuern. Also ziehe ich allein durch die Massen und durch das Verkehrschaos
in der Bostoner Innenstadt. Es scheint die Sonne – wunderbar.
16:45 Bin wieder im Hotel angelangt. „Ich Dummi, habe mir
kein Bier besorgt.“ Also trinke ich Saft und esse endlich seit 9:00 etwas
„Festes“ – Weißbrot mit Käse.
17:20 Liege noch in der Badewanne, warm und entspannend
für Gelenke und Muskeln.
18:00 Frauchen ist auch zurück und erleichtert, dass ich
schon in der Wanne lag. Erstes Treffen und Erfahrungsaustausch mit anderen
Läufern aus meiner Sportgruppe (die schon zurück sind). Großes Klagen über das
Auf und Ab. Alle haben ihre „Zielzeiten“ nicht geschafft, sind aber wegen der
Umstände doch froh und zufrieden.
18:30 Zielschluß für die letzten Läufer! - Wir ziehen
schon in die überfüllte City, um einen Platz zum Abendessen zu ergattern.
Klappt nicht gleich – nur mit
Voranmeldung. Also gehen wir erst mal einkaufen für morgen.
19:50 Wir haben unseren Platz zum Abendessen. Und Bier
gibt es endlich auch. Meine Beine kann ich unter dem Tisch ausstrecken.
22:25 Beine lang machen im Bett. Nachtruhe. Erholung für
Körper und Geist. – Danke für den schönen Tag.
NACHTRAG: Robert Cheruiyot aus Kenia
verbessert den Streckenrekord um ein 1 Sekunde
auf fantastische 2:07:14.
Rita Jeptoo aus Kenia gewinnt bei den Frauen mit achtbester Bostonzeit in 2:23:38.
Beide sagen, dass sie die Strecke nicht unterschätzt
haben und eher langsam und abwartend angegangen sind.
Robert setzte sich nach den Hills ab. Rita hatte noch
genug Kraft im Finish. Beider Rechnung ist aufgegangen.
USA mit bestem Boston Marathon der letzten 20 Jahre –
3., 4., 5., insgesamt 6 Läufer unter den Top 11.
NACHLESE: „Director´s cut is a lat show“ Fantastisch
und unglaublich zugleich. Der Renndirektor des Bostonmarathon Dave McGillivray hat das letzte Wort beim Rennen – im wahrsten
Sinne des Wortes. Als Renndirektor organisiert er über mehrere Monate den
Boston-Marathon detailliert wie eine militärische Operation. Sicherheit,
Sponsoring, Technologie, Medizin, Medien, Polizei, Armee, 8 Städte ... 22.000
Läufer aus der ganzen Welt ... alles liegt in seinen Händen. Er ist beim Start
der Elite in Hopkinton, fährt ca. 7 Meilen mit dem Motorrad vor dem Elitefeld
her, eilt dann weiter nach Boston, um
die Zieleinläufe vorzubereiten. Er hält das Zielband, wenn die Eliteläufer finishen
und den Streckenrekord unterbieten. Er vergibt erste Gratulationen. Am
Marathontag ist es jetzt schon ca. 15:30.
- Unglaublich. Für Dave ist der
Tag nun 10 Stunden alt. Er nimmt sich Apfel, Banane und Sandwich und bereitet sich für sein eigenes Rennen vor. Er
besteigt ein Bostoner Polizeiauto und fährt nach Hopkinton. Um ca. 17:26
beginnt Dave seinen eigenen Marathonlauf in die Dunkelheit zurück nach Boston.
Es ist der 118. Marathon und der 34. Bostonmarathon für den 51jährigen! Noch
vor einigen Jahren mußte er sich den Weg selbst bahnen. Inzwischen ist der einsame,
abendliche Lauf von Dave zu einer festen Institution des Boston-Marathontages
geworden. Dave erhält eine Polizeieskorte, die ihm den Laufweg frei macht.
4:19:53 später überquert er die Ziellinie. Seine Schwestern halten ihm ein
Zielband. Es ist jetzt schon 22:00. Dave gibt noch letzte Interviews nach
seinem Finish im Zielbereich. „I just wanted to get the job done like the
other 22,000 runners. I just wanted to feel what the others felt. It’s great to
organize this, even greater to finish.”